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5/17/2012 : 11:50 am : +0200

Gesundheit

Ayurveda - eine Einführung

Mit Ayurveda die eigene Persönlichkeit entdecken

von Kerstin Rosenberg

Ayurveda – die alte Heilkunde Indiens verfügt nicht nur über hervorragende Therapieformen für das körperliche Gleichgewicht, sondern führt den Menschen mit seiner ganzheitlichen und tiefgründigen Psychologie  auch zu geistig-seelischer Gesundheit, die gleichbedeutend mit einer spirituellen Wiederentdeckung des eigenen göttlichen Ursprungs ist.

Dabei wird der Grundkonstitution (Prakriti) des Menschen eine sehr große Bedeutung beigemessen, denn sie stellt den Ausgangspunkt unseres Lebens dar. Mit der eigenen Grundkonstitution in Harmonie zu leben, stellt das Ideal der ayurvedischen Gesundheitslehre dar. Die ursprüngliche Bedeutung von Prakriti ist „Natur“ und bezeichnet vor allem das ursprüngliche Verhältnis der Doshas zu Beginn des Lebens. Das heißt, die seit der Geburt bestehende Manifestation und Verteilung der Doshas bestimmt die Ausprägung unserer Grundkonstitution. Je nachdem, welches Dosha oder welche Dosha-Kombination nun besonders vordergründig ausgeprägt ist, werden wir über die körperliche und psychische Konstitution eines Vata-, Pitta-, Kapha- oder Mischtyp verfügen.

 

Für die Entstehung unserer natürlichen Konstitution (Prakriti) sind verschiedene Faktoren verantwortlich. Die grundlegenden Anlagen werden mit dem Zeitpunkt der Zeugung auf genetischer und biologischer Ebene festgelegt. Dabei spielen die körperliche und seelische Verfassung der Eltern, die Jahreszeit und der Ort eine große Rolle. In der Gebärmutter der Frau wird die Konstitution weiter geformt und gefestigt. Das Verhalten der Mutter während der Schwangerschaft hat eine sehr große Bedeutung für das Leben und die Konstitution des ungeborenen Kindes. Manche Ayurveda-Ärzte sprechen davon, dass die Zeit im Mutterleib bis zu  80 % unserer Konstitution determiniert! Zusätzlich beeinflussen noch der Zeitpunkt der Geburt sowie die Nahrung und Umgebung der ersten Lebensmonate das Prakriti.

 

Der pränatale Einfluss auf die Konstitutionsbildung kann manchmal frappierend sein. So habe ich in meiner eigenen Ayurveda-Praxis viele Patienten erlebt, die z.B. eine konstitutions-bedingte Anlage zu Übergewicht hatten, da ihre Mütter während der Schwangerschaft unter massivem Bewegungsmangel und Übergewicht litten. Kinder, die während der Kriegsjahre gezeugt und ausgetragen wurden, leiden oft konstitutionsbedingt an einer Herzschwäche, die durch die existentiellen Nöte und Ängste dieser Zeit hervorgerufen wurden. Andererseits habe ich aber auch schon viele Menschen erlebt, die aufgrund ihrer außerordentlich stabilen Grundkonstitution äußerst belastbar sind. Wenn ein gesundes Baby in einer gesunden Familie heranwächst, so kann es als Erwachsener oft für viele Jahre Raubbau mit seiner Gesundheit treiben, bis sich daraus resultierende Beschwerden einstellen.

 

Laut Ayurveda können sich psychische Eigenschaften (im positiven oder negativen)  genetisch von Generation zu Generation übertragen. So hat z.B. ein Kind, dessen Eltern und Großeltern regelmäßig meditierten von seiner Veranlagung her ein weit ausgeglicheneres Gemüt und höheres Bewußtsein, als ein Mensch der bereits seit Anbeginn seines Leben in komplizierte und unaufgelöste Familienverhältnisse und emotionale Strukturen hingeboren wird.

In diesem Sinne trägt nach ayurvedischer Betrachtungsweise jeder Elternteil eine große Verantwortung für die spirituellen Anlagen und das psychische Gleichgewicht der nächsten Generation. Je mehr wir selbst unsere karmischen und emotionalen Verstickungen lösen, umso  unbelasteter und freier können unsere Kinder ihre wahre Persönlichkeit und ihr göttliches Potential entfalten.

 

 

Im Einklang mit der eigenen Konstitution leben

Im Einklang mit der eigenen Konstitution zu leben, ist eines der wichtigsten Ziele der ayurvedischen Psychologie, Philosophie und Heilkunde. Allerdings ist es den meisten Menschen ohne spezielles Training oft nicht möglich, die eigene Konstitution und Persönlichkeit zu erkennen und deren Bedürfnisse zu erfüllen. Wird die Konstitution in ihrer natürlichen Ausdrucksform jedoch unterdrückt, so ist dies die Ursache für körperliche, psychische und psychosomatische Beschwerden.

Für die Erhaltung unserer stabilen Gesundheit ist unbedingt notwendig, einen positiven Ausdruck für die eigene Konstitution zu finden und das ganze Persönlichkeitspotential zu leben und weiterzuentwickeln. Grundsätzlich sollten wir jeden Konstitutionstypen bewertungsfrei und  positiv betrachten. Im ayurvedischen Verständnis gibt es kein einheitliches Schönheitsideal, keine genormten Verhaltensformen, sondern jeder Mensch soll sich entsprechend seiner Möglichkeiten entfalten und ausdrücken. Wird das natürliche Dosha-Gefüge einer Konstituion allerdings gestört, so entstehen Krankheiten auf der körperlichen, energetischen und psychischen Ebene – was man im Ayurveda „Vikriti“ nennt.

 

In meiner langjährigen Ayurveda-Praxis bin ich fast keinem Menschen begegnet, der sich noch im Einklang mit seiner ursprünglichen Natur (Prakriti) befindet. Die Ursachen hierfür liegen in äußeren Einflüssen und einer inneren Stagnation:

Zum einen reagiert unser Körper sehr sensibel auf die äußere Vermehrung eines von Natur aus stark ausgeprägten Dosha. Wenn z.B. ein Kapha-Typ im Frühling eine Woche graues, nasses Regenwetter erlebt, sich in dieser Zeit überwiegend von fettigen, schweren und süßen Speisen ernährt und zusätzlich noch unter Bewegungsmangel leidet, so wird er aufgrund dieser Kapha-erhöhenden Faktoren garantiert bereits nach kurzer Zeit mit starken Kapha-Störungen wie Gewichtszunahme, Verschleimung, Trägheit und einem depremierten Gemüt reagieren.

Ein  Pitta- oder Vata-Typ hingegen würde zwar ebenfalls auf diese Kapha-erhöhenden Faktoren reagieren, aber es würde sehr viel länger dauern, bis er die typischen Beschwerden entwickelt. Dafür reagiert Pitta äußerst sensibel auf alle Pitta-anregenden Aspekte, wie heißes Wetter oder scharfe und saure Speisen, und Vata zeigt seine Störungen unmittelbar bei Wind, Kälte und einer unregelmäßigen Lebensweise.

In diesem Sinne stellen eine ungesunde Lebensweise, das Wetter sowie  stressbedingte Belastungen  der Arbeitswelt oder im Privatleben die häufigsten Ursachen für durch äußere Bedingungen provozierte Dosha-Störungen dar.

 

Die zweite - und in der Ayurveda-Psychologie interessantere Ursache - für Dosha-Ansammlungen liegt in der emotionalen Unterdrückung von konstitutionsbezogenen Persönlichkeitsstrukturen und Bedürfnissen. Entsprechend seines Prakriti benötigt jeder Konstitutionstyp bestimmte Ausdrucksformen und typgerechte Verhaltensweisen. So liebt der Vata-Typ z.B. den kreativen und flexiblen Ausdruck seiner Visionen, der Pitta-Typ braucht eine Möglichkeit, seine Führungsqualitäten unter Beweis zu stellen, und Kapha-Menschen sehnen sich nach Ruhe, Sicherheit und Zufriedenheit. Werden diese natürlichen Wünsche und Charaktereigenschaften nicht gelebt, so entwickeln sie sich zu einer unsichtbaren Zeitbombe für die Gesundheit des Einzelnen. Durch die Stagnation der unterdrückten Persönlichkeitsanteile und Fähigkeiten erhöhen sich die Doshas auf die gleiche Weise, als wenn sie von außen vermehrt zugeführt würden. So kann z.B.  ein Magengeschwür durch den übermäßigen Genuss von sauren Speisen, Alkohol, Kaffee und Stress produziert werden. Aber auch unterdrückter Ärger, unterdrückte Wut und Mangel an Bewegung und Handlungsfreiheit kann zu den gleichen Symptomen führen.

 

Die psychosomatisch bedingten Dosha-Störungen sind besonders in den westlichen Ländern sehr verbreitet. Viele Menschen haben sich aufgrund einengender Erziehungsideale, unpassender Ernährungs- und Verhaltensweisen, persönlicher Ängste und schmerzhafter Erfahrungen von ihrer ursprünglichen Natur entfernt. Erhält ein Kind nicht den Freiraum oder die Möglichkeit seine natürlichen Anlagen zu entfalten, so stagnieren die dominanten Doshas und sammeln sich im Körper an.

So benötigt z.B. eine Pitta-betonte Persönlichkeit ab dem ersten Lebenstag außergewöhnlich viel Aufmerksamkeit und möchte gerne die Führung übernehmen. Schon Pitta-Babys zeigen eine starken, unbezwingbaren Willen, die ganze Familie soll sich ihren Wünschen und Bedürfnissen unterordnen. Es ist ein Grundbedürfnis von Pitta, zu dominieren und die eigenen Vorstellungen durchzusetzen.  Wird dieses Kind nun in seinem Willen und seinem Wesen „gebrochen“, so lernt es, seine Pitta-geprägten Anlagen zu unterdrücken und versucht, gehorsam und angepasst zu sein. Doch da dies nicht seiner Prakriti entspricht, wird sich die ihm eigene Energie immer wieder mit schwer zu kontrollierenden Wutanfällen Bahn brechen. Das unterdrückte Feuer wird früher oder später seine Entsprechung im Befinden aufzeigen. Körperliche Pitta-Störungen wie Übersäuerung, Entzündungen und Verdauungsbeschwerden sind immer ein Ausdruck der emotionalen Unterdrückung.

Genauso ist es, wenn eine Kapha-betonte Persönlichkeit gehetzt wird. Kapha ist das beständige und erhaltende Prinzip im Körper. Menschen mit hohem Kapha-Anteil sind ruhig, gefühlvoll und ausgeglichen. Sie lieben es, die Dinge ordentlich und gründlich zu tun. Müssen sie sich aber immer beeilen, so kommen sie automatisch aus ihrem Rhythmus und geraten in inneren und äußeren Stress. Gewichtszunahme und träger Stoffwechsel sind die Folge, da der Körper versucht, den inneren Verlust an Ruhe auszugleichen.

Wenn eine kreative und das Neue liebende Vata-Persönlichkeit in einer von Konventionen und Traditionen bestimmten Welt lebt, wird dies ebenfalls über kurz oder lang seine Auswirkungen zeigen. Sobald die Leichtigkeit und Visionskraft des Vata-Typs auf längere Zeit keinen Ausdruck finden, so übernehmen Trägheit, Schweregefühl und Antriebslosigkeit die Oberhand auf allen Ebenen des Seins. Chronische Verdauungsstörungen, Blähungen und Störungen des Bewegungsapparats zeigen ebenfalls die blockierte Vata-Energie in ihrem Störfeld.

 

Die Therapieansätze der Ayurveda-Psychologie

Die Therapieansätze der Ayurveda-Psychologie basieren auf der körperlicher Reinigung, geistiger Transformation und emotionaler Erneuerung. In der ayurvedischen Psychosomatik wird sehr detailliert beschrieben, in welcher Weise traumatische Erlebnisse und emotionale Verletzungen zu Veränderungen in der körperlichen Struktur und zu Krankheiten in den einzelnen Körpergeweben (Dhatus) führen können. Die negativen Erfahrungen und bedrückenden Gefühle werden in den dafür vorgesehenen Geweben einspeichert und nun durch ihre körperliche Entsprechung verstärkt.

Die einzelnen Körpergewebe stellen dazu nicht nur die körperliche Struktur dar, sondern auch die psychische Manifestation der individuellen Persönlichkeit. Unser Weltbild, die positiven und negativen Gedanken und nicht verarbeitete Erfahrungen aus der Kindheit sind mit dem Zellgedächnis gespeichert und warten auf ihre Erlösung. Dies geschieht automatisch, wenn sich die Körpergewebe reinigen und erneuern. Fast jeder von uns kennt die emotionalen Einbrüche und befreienden Gefühle, die man während einer reinigenden Fastenkur, einer tief wirkenden Massage oder einer entschlackenden Diät entwickeln kann.  Immer dann, wenn die alten Gewebe abgebaut werden, kommen die verschütteten Gefühle an die Oberfläche. Die schmerzhaften Erinnerungen brechen wieder auf und wir erfahren einen tiefen Transformationsprozess, indem wir diese oft unbewussten Traumatas liebevoll anschauen und bearbeiten können. Nach einer intensiven körperlichen Ausleitung und dem emotionalen Befreiungsprozess können nun die Körpergewebe mit der richtigen Ernährung, Heilkräutern und gesunden Lebensempfehlungen wieder in einen hervorragenden Zustand erneuert werden und der Körper erfährt eine neue ganzheitliche Gesundheit.

Desweiteren arbeitet die Ayurveda-Psychologie mit angewandter Philosophie und spirtueller Psychologie. Das heißt, um Gefühle und Verhaltensformen zu verändern, bedient es sich der Kraft der richtigen Gedanken. Wir reinigen unseren Geist durch die richtige Art zu denken, erlangen eine gelöste Betrachtungsweise durch regelmäßige Meditation und bilden grundlegendes Verständnis für die eigene Natur (Prakriti) mit ihren Fähigkeiten, Potentialen und Talenten.

All dies wirkt heilend auf den feinstofflichen Körper mit seiner emotionalen und intellektuellen Hülle ein und schafft einen Zugang zu unserem inneren göttlichen Kern, der gleichbedeutend mit  dem Wahren Selbst (Prakriti). ist.

 

All diese Erkenntnisse im Alltag zu leben und umzusetzen ist das Ziel aller Ayurveda-Therapieformen. Dies manifestieren sich in unserem täglichen Verhalten und  dem Umgang mit unser körperlichen und psychischen Konstitution. Gelingt es uns, das eigene Verhalten nach den persönlichen Bedürfnissen auszurichten und liebevoll mit der eigenen Konstitution und  deren Neigungen in den Einklang zu bringen, so ist es uns gelungen, unsere körperliche Gesundheit, psychische Befreiung und spirituelle Weiterentwicklung auf einfache (und unspektakuläre)Weise zu fördern und damit Ayurveda - das alte Wissen vom Leben auf harmonische und ganzheitliche Weise zu verwirklichen.

 

 

Weitere Informationen zum Thema Ayurveda sowie die Ausbildungen zum psychologischen Ayurveda-Berater und psychologischen Ayurveda-Therapeuten erhalten Sie bei der Rosenberg gGmbH – Europäischen Akademie für Ayurveda, Forsthausstraße 6, 63633 Birstein, Tel. 06054-91310

www.ayurveda-akademie.org

 

Einen qualifizierten Ayurveda-Therapeuten oder –Arzt finden Sie über den VEAT- Verband Europäischer Ayurveda-Mediziner und –Therapeuten

www.ayurveda-verband.eu

 

 

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